Gute Menschen sind nicht nur egoistischer als Du denkst, sondern sie leben diesen Zug auch besonders stark aus.

Das mag erst einmal befremdlich klingen, aber bei genauerem Hinsehen absolut logisch.

Die Illusion:

Menschen, die als GUT bewertert oder angesehen werden, würden selbstlos handeln. Z. B. helfen, einfach, weil sie so gut und lieb sind.

Und viele dieser Menschen glauben das sogar selbst.

Fakt ist allerdings: Sie verhalten sich so, weil es ihnen selbst etwas gibt.

Und bevor die große Empörung beginnt (ich hoffe es ist noch nicht zu spät): Einige Beispiele.

Ich erinnere mich an ein Kundengespräch. Die Frau, Mutter, hilfsbereiter und liebenswerter Persönlichkeitstyp (DISG grün) , war fest davon überzeugt, ihre eigenen Bedürfnisse wären ihr nicht wichtig.

Mir ist am wichtigsten, dass es meinen Kindern gut geht!

„Und wenn es Deinen Kindern gut geht, wozu führt das?“ – fragte ich sie.

Dann geht es mir auch gut!

Überraschung.

Menschen, die gern helfen, wollen sich oft gebraucht fühlen.
Verständnisvolle Menschen wollen sich verbunden, wertvoll oder moralisch korrekt fühlen.
Wer immer für andere da ist, bekommt dadurch Anerkennung.

Ergo: Es gibt diesen Menschen etwas, gut zu anderen zu sein.

Der Denkfehler

Ich weiß genau, wie viel Widerstand diese Zeilen in vielen auslösen.
Denn klar ist: Natürlich sind diese Menschen besser für ihr Umfeld, die Gesellschaft oder die Welt als jene, die rücksichtslos durchs Leben gehen.

Ein guter Mensch zu sein, ohne zu wissen, warum, ist allerdings Eines: Unreflektierte Orientierungslosigkeit.

Und nun kommen zwei Fakten, die noch deutlich falscher klingt als der bisherige Teil:

  1. Wahrscheinlich niemand, absolut niemand, denkt, er wäre ein schlechter Mensch oder lebt absichtlich als schlechte Person.
  2. Schlechte Menschen leben ihren Egoismus genauso aus wie gute Menschen – die Struktur ist identisch. Nur, dass sie weniger Akzeptanz und Anerkennung dafür erfahren.

Denn diese subjektive Bewertung ist am Ende, was wir als gut oder schlecht definieren.

Der eine hilft, um sich gut zu fühlen.
Der andere dominiert, um sich stark zu fühlen.

Beide folgen einem Bedürfnis für sich selbst – egoistisch.

Und damit kommen wir zum Kern dieses Artikels:

Beides ist Ego. Ego?

Ego bedeutet ICH.
Aber: Was für ein Ich?

Heutzutage ist es sehr modern, das Ego töten zu wollen. Sich selbst zu töten ist allerdings sicherlich keine Lösung.

Und damit kommen wir zum Punkt: Das Ego ist nicht das wahre Ich.
Und handeln aus dem Ego heraus – Egoismus – ist nicht authentisch, solange das Ego nicht integriert ist – gleich mehr dazu.

Das Problem: Die meisten Menschen haben eine ungefähre Vorstellung davon, was das Ego ist. Aber ein konkretes, klares und greifbares Konzept dafür? Fehlt.

Das Ego verstehen

Vielleicht ist Dir mal aufgefallen, dass Menschen – inklusive Dir selbst – den ganzen Tag irgendetwas denken. Vielleicht liest Du diesen Artikel und etwas in Dir sagt: Hier stimme ich zu. Das ist Quatsch. Oder was auch immer.

Wichtig: Wenn Dir in diesem Moment bewusst wird, dass Du diese Gedanken beobachten kannst, hast Du Dich bereits für einen Augenblick vom Ego gelöst. Ein Perspektivwechsel vom Denker zu demjenigen, der die Gedanken wahrnimmt, beobachtet und lenkt.

Diese Gedanken sind bei den allermeisten Menschen allerdings erstmal einfach da – sie passieren uns, wie das zirkulieren des Blutes.
Du sagst ja auch nicht: Jetzt lasse ich mal Blut in die Adern fließen. Es passiert einfach.
Unbeobachtet. Von selbst.

Diese unbeobachteten Gedanken sind ein zentraler Bestandteil des Egos – des unbewussten Denkens, das eine unbewusste Identität bildet.

Denn: Solange Du diese Gedanken nicht in Echtzeit beobachten, reflektieren und steuern kannst, sind sie nichts weiter als Reaktionsketten auf äußere Reize.

Heißt: Wer denkt, diese Gedanken wären er selbst, lebt im Ego. Und wer im Ego lebt, ist völlig fremdbestimmt (weil es, wie erwähnt, stark reaktiv ist).

Gut, was machen wir mit dieser Erkenntnis?

Wir gehen tiefer rein – denn das hier kann die Befreiung von Zielen und Vorstellungen sein, die niemals zu Dir gehört haben.

Die Entstehung des Ego

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist erst einmal alles neu.
Es beginnt zu lernen. Alles ist magisch. Alles ist möglich. Kleinigkeiten sind absolut faszinierend: Raureif auf dem Rasen … ein Schmetterling … ein seltsames Blatt oder einfach ein Stein auf dem Boden.

Ein ausgefallener Zahn? Aufregend, weil am nächsten Tag ja die Zahnfee kommt!
Die Tage bis Heiligabend werden aufgeregt gezählt, weil dann ja der Weihnachtsmann kommt – wie auch immer er es schafft, die ganze Welt in einer einzigen Nacht zu besuchen …

„Rentiere konnten fliegen, im Garten tanzten die Elfen, Haustiere waren wie Menschen, Spielsachen wurden zu lebendigen Wesen, Träume erfüllten sich und Du konntest nach den Sternen greifen. Das Herz war voller Freude, die Phantasie ohne Grenzen.“

Aus: The Magic (Rhonda Byrne)

Warum erzähle ich Dir das?

Weil ein Kind ohne Ego auf die Welt kommt.
Das Ego entwickelt sich, sobald es beginnt, aus der unbewerteten Wahrnehmung heraus zu treten und zu denken.

Konkret: Wenn es beginnt, die Sprache zu lernen. Zuerst wird es häufig in der dritten Person von sich sprechen. Doch dann, eines Tages, versteht es das Konzept von ICH.

Die Selbstwahrnehmung entwickelt sich. Zu ICH gehört MEIN.
Es versteht, dass es einen Namen hat – seinen Namen.
Eltern – seine Eltern.
Spielsachen, ein Geschlecht, Vorlieben … und mit zunehmenden Alter mehr und mehr Dinge, die seins sind, zu ihm dazu gehören.

Seine Identität beginnt, sich zu bilden – größtenteils unbewusst.

Identität

Identität entsteht durch Identifikation:

Das bin ich.
Das bin ich nicht.
Das ist ein Teil von mir.

Ergo: Die Identität ist eine größtenteils unbewusste Selbstdefinition.
Sie beinhaltet einerseits Dinge, die wir als Teil von uns ansehen.
Andererseits dient sie zur Abgrenzung.

Vielleicht fragst Du Dich jetzt bereits, was daran das Problem ist. Wie sollte man denn ohne Identität, ohne Ego, klarkommen?

Diese Frage ist sehr klug und berechtigt. Die Antwort ist:
Gar nicht.

Wir brauchen sie, um in der Welt zurecht zu kommen.
Wir brauchen das Ego. Es ist grundsätzlich gut oder schlecht – sondern das, was wir daraus machen.
Deswegen ist es auch unmöglich, das Ego zu töten. Vielmehr geht es darum, es bewusst zu formen, damit es kontrolliert und konstruktiv wirkt.

Um dies zu ermöglichen, müssen wir aber Eines verstehen:

Die Struktur des Ego

An dieser Stelle wissen wir: Das Ego ist die unbewusste Identifikation mit verschiedenen Konzepten sowie die Abgrenzung von anderen Konzepten.

Genau das machen wir nun greifbarer. Wir schauen uns verschiedene, häufige Identifikationsmuster an. Dabei geht es nicht darum, ob sie gut oder schlecht sind, sondern einfach zu erkennen, dass sie Teil der Identität, des Egos sein können.

Spoiler und Reminder: Bewusst eingesetzt können all diese Identifikationsmuster auch konstruktiv genutzt werden.

Während Du dies liest, darfst Du natürlich bereits reflektieren, welche dieser Muster Du bei Dir erkennen kannst.

1. Identifikation mit dem Körper

Das Selbstbild, die Vorstellung davon, wir wir aussehen, ist ein fundamentaler Teil des Ego.

Ich bin schön/hässlich. Dick/dünn. Sportlich/unsportlich. Stark/schwach. Gesund/ungesund.

Ein Mensch, dessen Ego auf körperlicher Kraft und Schönheit aufbaut, wird meist leiden, wenn der Körper verfällt. Es ist natürlich sinnvoll, ihn trotzdem zu pflegen und zu stärken – aber eine tiefe, unbewusste Identifikation damit wird zwangsläufig zu Leid und der Erschütterung des Selbstbildes führen.

2. Identifikation mit Leistung & Erfolg

Hier stützt sich das Selbstbild darauf, wie viel man schafft.

Zum Beispiel hängt es maßgeblich davon ab, wie erfolgreich man im Beruf ist, wie viel Geld man verdient, besitzt oder wie hoch der Status ist (Vergleich & Abgrenzung zu anderen).

Eine unbewusste Identifikation mit diesen Parametern wird zu hohen Leistungen anspornen, aber einen fragilen Selbstwert produzieren.

3. Identifikation mit Rollen

Vater. Mutter. Kind. Angestellter. Selbstständiger. Macher. Gewinner. Verlierer. Coach. Mentor. Helfer. Störenfried. Harmonisierer. Besserwisser. Experte. Anführer. Umsetzer. Vermittler …

Die unbewusste Identifikation mit Rollen geht meist besonders tief.

4. Identifikation mit Besitz

Porschefahrer. Hausbesitzer. Schmuckstücke, Kleidung, Statussymbole …

… die zu mir gehören.

Verlust davon? Enorm schmerzhaft und je nach Ausmaß identitätsbedrohend.

5. Meinungen und Überzeugungen

Politische Ansichten. Weltbilder. Glaubenssätze.

Sind die Meinungen und Überzeugungen unbewusst und tief im Ego verwurzelt, wird der Betroffene eine Kritik an seinen Standpunkten als Angriff auf ihn selbst ansehen. Immerhin sind die Überzeugungen ja ein Teil von ihm.

6. Identifikation mit Emotionen

Ich bin traurig/mutig/ängstlich …

Bei einer starken Identifikation mit Emotionen denkt der Betroffene in dem Moment, der Zustand wäre für immer.

Wenn man mit ihm darüber spricht, es ihm absolut klar, dass dem nicht so ist. Doch verloren im unbeobachteten Denken, vergisst er dies.

Ein Weiser schenkte einst einem König mit diesem Problem einen Ring, den er immer umdrehen sollte, wenn er sich in starken Emotionen verlor. Auf diesem Ring stand: Auch das geht vorbei.

Dadurch wird die Identifikation mit der Emotion bereits aufgehoben.

Auch das Mantra so fühlt sich das Leben gerade an kann sehr hilfreich sein, da es nicht nur die zeitliche Begrenzung des Zustandes verdeutlicht, sondern auch den Widerstand gegen unangenehme Emotionen reduziert.

7. Identifikation mit Geschichten und Traumata

Der, dem immer XYZ passiert.
Diejenige mit diesemundjenen Schicksalsschlag.

Auch diese Identifikationsformen sind besonders tief verwurzelt und häufig schwieriger zu erkennen. Sie äußern sich dadurch, dass Betroffene ihre Vergangenheit ständig in der Gegenwart wiederholen – auf andere Weisen.

8. Moralische Identifikation

Ich bin gut/hilfsbereit/korrekt …

Diese Identifikation wird häufig nicht hinterfragt und führt zu Blindspots in der Selbstwahrnehmung.

Auch schlimme Taten werden fast immer damit gerechtfertigt, etwas Gutes zu wollen.

9. Intellektuelle Identifikation

Ich bin schlau/dumm. Analytisch/chaotisch. Auffassungsfähig/langsam.

Während eine limitierende, intellektuelle Identifikation dazu führt, dass Betroffene ihre mentalen Fähigkeiten nicht entwickeln und hinter ihren Möglichkeiten bleiben werden, kann eine positive, aber unbewusste Identifikation damit zu einer Trennung von Emotionen und Overthinking führen.

10. Identifikation mit Kontrolle

Ich muss alles verstehen, brauche alle Informationen.

Auch diese Identifikation begünstigt Overthinking sowie Stress und die Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

Das Ego auflösen

… ist, wie bereits erwähnt, nicht dauerhaft möglich. Zwar kannst Du in tiefster Meditation, z. B. beim Vipassana, oder auch unter Einfluss einiger psychodelischer Substanzen wie Psilocybin vorübergehend Zustände erreichen, in denen Du das Ego loslässt und eins mit allem bist, aber lebensfähig ist man so auf Dauer definitiv nicht.

Das Ego ist Teil der Evolution. Wir brauchen es, um im Alltag zurecht zu finden, eine Richtung zu haben und handlungsfähig zu sein.

Der essenzielle Unterschied ist allerdings, ob es reaktiv und unbeobachtet ist – ergo, unbewusst.
Oder ob wir unsere Ego-Muster erkennen können.

Was würde das denn bringen?

Sobald wir unbewusste Verhaltensweisen erkennen und analysieren können, werden sie bewusst – und dadurch formbar.

Anstatt, dass unbeobachtete Gedanken, die uns passieren und ständig von außen beeinflusst werden, die Kontrolle über unser Leben haben, können wir beginnen, selbst zu bestimmen.

Wer wir sind, wie wir sind, wie wir handeln.

Die Ego-Transformation ist also nicht eine Vernichtung des Denkens.
Sie ist ein Wechsel zum bewussten Wahrnehmen und Lenken des Denkens.

Stell Dir das Denken einmal vor, wie ein scharfes Messer.
In den Händen eines Kleinkindes kann es eine Menge Schaden anrichten.
In denen eines versierten Koches oder Handwerkes hingegen, der es zur Umsetzung seiner Pläne einsetzt, ist es enorm nützlich.

Schritt 1:

Ego-Identifikationen und -Muster zu erkennen, bedeutet die Kontrolle über das Denken zurück zu bekommen.

Schritt 2:

Das Ego bewusst formen und ausrichten sorgt dafür, dass der Autopilot in die richtige Richtung läuft.

Schritt 3:

Diesen Prozess zu wiederholen und permanent anzupassen führt zu einem bewusst integrierten Ego, das jeden Tag nützlicher und konstruktiver wird.

Der wahre Schlüssel ist also nicht, das Ego zu töten, sondern:

Ego Integration

Als wertvolles Werkzeug, das vom wahren, höheren Ich ausgerichtet, beobachtet und gesteuert wird.

Wenn Du während des Lesens dieses Artikels bereits

  • Identifikationen erkennen konntest und
  • Deine Gedanken beobachten konntest – wie sie z. B. das Gelesene bewerten

dann hast Du Du bereits etwas geschafft, was die meisten Menschen nie erreichen:

Du bist nicht mehr vollständig Dein Ego, weil Du mindestens den ersten Schritt zur Ego-Desillusionierung gemeistert hast.

 

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